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Freundlichkeit ist oft ein Überlebensmechanismus von Kindern mit emotional unreifen Eltern

Aktualisiert: 21. Nov. 2022

Wir glauben, dass die Menschen, die psychische und emotionale Schwierigkeiten haben, diejenigen sind, die immer traurig oder depressiv sind. Die Menschen, die unter Burn-out oder die, die unter Angststörungen und Panikattacken leiden. Und es ist tatsächlich so, dass die auffälligen sich eher Hilfe suchen als die, die still, nett und freundlich sind. Aber die meisten Menschen, die sich am Ende das Leben nehmen, werden als sehr ruhig und kaum sichtbar beschrieben.

Warum das so ist und was du machen kannst, wenn du oder deine Familie davon betroffen bist, werde ich in diesem Artikel erläutern.

Ich bin fasziniert von der Entdeckung, dass neben den bekannten Reaktionen auf Trauma: Kampf, Flucht und Erstarrung (Fight, Flight und Freeze) es noch eine Reaktion gibt. Der amerikanische Trauma – Experte Pete Walker fügt ein viertes F hinzu, nämlich der Fawn Response. Auf Deutsch, der Bambi Effekt.




„Bambi-Typen suchen Sicherheit, indem sie sich an die Wünsche, Bedürfnisse und Anforderungen anderer Menschen anpassen oder mit ihnen verschmelzen. Sie tun so, als würden sie unbewusst glauben, dass der Preis für eine Beziehung das Opfern all ihrer Bedürfnisse, Rechte, Vorlieben und Grenzen ist.“ Pete Walker

Bambi-Menschen, die immer freundlich sind, immer hilfsbereit und die schon als Jugendliche jeden Kampf oder Konflikt aus dem Weg gegangen sind, fallen nie auf. Sie sind als Kinder besonders süß, pflegeleicht und werden von allen gemocht. Aus diesem Grund, würden sie nie darauf kommen zur Therapie oder Coaching zu gehen. Das kommt erst später, wenn sie eine toxische Beziehung nach der andere haben, wenn sie bei der Arbeit gemobbt oder ausgenutzt werden oder, wenn der Körper auf einmal somatisch reagiert, wie Gabor Mate es so genau in seinem Buch „Der Körper sagt nein“ beschreibt.

Das Bambi-Effekt ist ein Überlebensmechanismus von Kindern, die mit emotional unreifen Eltern aufgewachsen sind. Eltern, die sich nie die Zeit genommen haben, ihren eigenen emotionalen Problemen zu lösen, die keine Nähe zulassen, weil sie gar nicht wissen, wie das geht. Eltern, die keine Vorstellung davon haben, was ihr Verhalten für eine Auswirkung auf den eigenen Kindern hat und was für Traumas sie dadurch auslösen. Das sind quasi Familien, die sehr rau sind, wo es verbale Demütigungen und emotionaler Gewalt gibt. Diese seelischen Verletzungen sind oft viel schlimmer wie körperliche Gewalt.


Es ist wichtig, dass ich an dieser Stelle den Unterschied zwischen Schocktrauma und Entwicklungstrauma erwähne. Unter Schocktrauma versteht man einzelne Erlebnisse, die passieren wie, ein plötzlicher Tod, eine Vergewaltigung oder was auch immer dir passiert ist, sodass dein Leben sich von einem Moment zum anderen komplett verändert hat. Entwicklungstrauma ist oft viel subtiler. Ganz besonderes, wenn die Eltern von Großeltern erzogen wurden, die von einem sehr autoritären Erziehungsmodell überzeugt waren. Das Erziehungsmodell, das predigt möglichst keine Nähe und kein Körperkontakt zu haben, das Kind nicht so oft in den Arm nehmen, sonst wird es verwöhnt und ihn ja nicht über Emotionen sprechen lassen, sonst wird es schwach. All das führt zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Entwicklungstrauma, die wir automatisch an unseren Kindern weitergeben, wenn wir uns nicht darum kümmern.

Ich weiß, dass es sehr verlockend ist zu glauben, dass du als Elternteil einen hervorragenden Job gemacht hast, wenn dein Kind dir nie Widerworte gibt und wenn es immer alles tut, damit DU zufrieden bist. Aber das ist nicht der Sinn der Sache. Denn dadurch werden sie ein Leben in chronischer Unterwerfung führen. An der Oberfläche werden das Erwachsene, die immer freundlich sind, aber darunter verstecken, sich oft Menschen, die sich nie behaupten können, die kaum Zugang zu den eigenen Bedürfnissen haben, die nicht wissen, wie man Grenzen setzt und die es allen recht machen wollen. Und das ist eine relativ schwierige Ausgangsposition für ein glückliches und erfühltes Leben. Und es kann sein, dass sie vielleicht finanziell gut dastehen werden, aber sie werden sich von dieser Leere, die sie ständig empfinden und die Unfähigkeit sich wirklich zu binden, nicht retten können.

Was du besser machen kannst:

Versuche dich mit deinem Kind zu verbinden und komme bitte herunter von dem autoritären Baum, in dem du dich gerade befindest. Von da oben kannst du nur predigen und maßregeln. Man könnte sogar glauben, dass du den Anschein bewahren willst, dass du über alles Bescheid weißt und dass du alles unter Kontrolle hast. „Wer's glaubt, wird selig“.

Ich gebe dir einen Tipp, wie du herausfinden kannst, bei wem das Problem manchmal liegt: Je mehr du dich aufregst und schreist und den Kindern alles Mögliche vorwirfst, desto mehr kannst du dir sicher sein, dass du da einiges zum Heilen hast. Was du da spürst, ist Angst (zu versagen) Scham, Schuld, Überforderung und vieles mehr.

Warum nimmst du dir also nicht die Zeit, um endlich mal nach dir zu schauen. Egal, ob du dich nun als Elternteil oder Bambi betroffener wiedererkannt hast. Es gibt sehr viele Methoden, wie man sich selbst und die eigene Familie heilen kann. Der einzige Nachteil, den du durch eine Veränderung spüren wirst, ist, dass dein Umfeld sich beschweren wird. Weil du nicht mehr zu allen JA und AMEN sagst, weil du nicht mehr so leicht zu manipulieren bist. Und vor allem, weil du gelernt hast, deine Grenzen zu setzen, werden sie sagen, dass du dich verändert hast.

Aber mach dir keine Sorgen. Die Menschen, die dich lieben und schätzen, werden trotzdem bleiben und stolz auf dich sein.

 
 
 

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