Wir alle wollen heilen – aber manchmal ist unser Heilungsprozess nur eine Flucht.
- Adela Kohl

- 5. Nov.
- 4 Min. Lesezeit

Heilung ist kein Lifestyle. Es ist der Moment, in dem du aufhörst, dich selbst zu belügen.
Wir alle wollen heilen. Oder glauben zumindest, dass wir heilen. Wir lesen Bücher, hören Podcasts, gehen auf Workshops, meditieren, machen "journaling", sprechen über Bewusstsein, über Grenzen, über Selbstliebe – und manchmal schaffen wir es, für einen Moment Frieden zu spüren. Aber oft ist das, was wir „Heilung“ nennen, nichts anderes als ein geschickteres Weglaufen. Wir haben gelernt, unsere Wunden schön zu dekorieren. Wir haben gelernt, uns gut zu fühlen, ohne wirklich ehrlich zu sein.
Wenn dein Heilungsprozess dir nur hilft, das Unbehagen in deinem Leben besser zu ertragen, dann ist es kein Heilungsprozess – es ist ein Beruhigungsmittel. Denn Heilung ist kein Pflaster, das den Schmerz dämpft, sondern der Mut, ihn zu fühlen, ohne sofort etwas daran ändern zu wollen. Heilung ist nicht das süße Summen einer Affirmation, sondern das Zittern deiner Seele, wenn du endlich sagst, was wirklich weh tut.
Und wenn dein Heilungsprozess ständig nach glückseligen Erfahrungen sucht, dann ist er keine Heilung – er ist eine Flucht. Denn Heilung ist nicht der nächste Rausch, nicht die nächste Retreat-Ekstase, nicht die nächste Welle von „Ich fühle mich so verbunden“. Heilung ist das Aufwachen an einem ganz normalen Dienstagmorgen, in einem ganz normalen Leben, und die Entscheidung, trotzdem präsent zu bleiben.
Wenn dein Heilungsprozess dich unempfindlich gegenüber Leid macht, dann ist er keine Heilung – er ist eine Rüstung. Diese Ruhe, auf die du so stolz bist, könnte einfach Taubheit sein. Dieses „Nichts bringt mich mehr aus der Fassung“ ist vielleicht nur der Körper, der gelernt hat, sich abzuschalten. Echte Heilung macht dich nicht unberührbar. Sie macht dich berührbar – und das ist oft das Mutigste, was du tun kannst.
Wenn dein Heilungsprozess keinen Raum für deine Wut lässt, dann ist er keine Heilung – er ist Unterdrückung. Wut ist nicht dein Feind. Sie ist das Feuer, das dir zeigt, wo du dich selbst verraten hast. Sie ist die Stimme in dir, die sagt: Hier hört es auf. Hier bin ich. Und wenn du sie in deinem Heilungsprozess nicht zulässt, dann baust du Frieden auf einem Fundament aus Angst.
Wenn dein Heilungsprozess dich anderen überlegen fühlen lässt, dann ist er keine Heilung – er ist Ego. Denn niemand, der wirklich heilt, glaubt, weiter zu sein. Wahre Heilung macht dich demütig. Sie öffnet deine Augen für das Ringen der anderen. Sie lässt dich weich werden für das Menschsein, für das Chaos, für die Widersprüche. Du siehst, dass wir alle auf unsere Weise stolpern – und dass du selbst nicht besser bist, nur bewusster geworden.
Wenn dein Heilungsprozess schwierigen Gesprächen aus dem Weg geht, dann ist er keine Heilung – er ist Vermeidung. Denn jedes unausgesprochene Wort wird zu einer Mauer zwischen dir und dem Leben. Eine Mauer, die dich nicht nur beschützt, sondern dich auch langsam von echter Verbindung beraubt – von Nähe, Vertrauen und den Momenten, in denen du dich wirklich gesehen fühlst. Heilung bedeutet, diese Mauer nicht länger zu füttern. Es bedeutet, den Mut aufzubringen, hinzuschauen, auszusprechen, was lange unausgesprochen blieb, auch wenn dein Herz dabei pocht. Denn hinter diesen Gesprächen wartet nicht der Verlust – sondern die Möglichkeit, dich selbst und andere wieder zu spüren.
Ein wahrer Heilungsprozess entfernt dich nicht vom Leben – er wirft dich mitten hinein. Dorthin, wo du nicht mehr ausweichen kannst. Dorthin, wo die alten Muster wieder auftauchen und du beginnst zu verstehen, dass Heilung kein mentaler Zustand ist, sondern eine körperliche Erfahrung. Sie geschieht nicht in der perfekten Ruhe deiner inneren Bubble, sondern in der Reibung mit dem Leben, im Kontakt mit anderen, in der Enge, im Unausgesprochenen, im Zittern deines Körpers, wenn du etwas fühlst, das du jahrelang betäubt hast. Heilung ist kein Konzept, kein Mantra und kein Zustand, den du festhalten kannst. Sie ist Bewegung, sie ist Menschsein. Und Menschsein bedeutet, zu fühlen – auch das, was weh tut, auch das, was du längst vergessen wolltest. Wir haben verlernt, in uns hineinzuhören, weil wir so sehr damit beschäftigt sind, nach außen stabil zu wirken. Und während wir versuchen, den Anschein von Glück aufrechtzuerhalten, wird die Stimme in uns, die Wahrheit spricht, immer leiser. Aber sie verschwindet nie. Sie wartet. Geduldig. Bis du wieder still genug wirst, um sie zu hören. Und wenn dieser Moment kommt – dieser ehrliche, nackte, ungeschönte Moment, in dem du dich nicht mehr versteckst – dann beginnt echte Heilung.
Und vielleicht ist das genau der Punkt, an dem du jetzt stehst. Du hast so viel verstanden, so viel reflektiert, so viel ausprobiert – und trotzdem ist da dieses leise Gefühl, dass du dich noch immer versteckst. Vielleicht ist es Zeit, damit aufzuhören. Nicht, weil du gescheitert bist, sondern weil du endlich bereit bist, wirklich zu leben.
Und wenn du dich eines Tages entschließt, diesen Schritt wirklich zu machen – richtig, ehrlich, mit allem, was dazugehört – dann weißt du, wo du mich findest. Ich halte dir den Raum, bis du dich selbst wieder halten kannst.
Fühl dich umarmt,
Adela



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